Sufitum
Sufitum und Musik
Für Dr. Güvenc gehören die türkische Musiktherapie und das Sufitum zusammen. Das heißt aber nicht, das jemand, der Musiktherapeut dieses Weges werden möchte, Sufi werden muss.
Der Sufi ist jemand, der die göttliche Präsenz sucht und nicht ausschließt. Er versucht sich Lebenshaltungen und Verhaltensweisen anzueignen, die von Mitgefühl, Toleranz und Achtung des anderen Menschen geprägt sind.
MusiktherapeutInnen bieten die Methoden des Sufitums Praktiken, ihre Persönlichkeit zu entwickeln und reifen zu lassen.
Musik wird im Sufitum als ein heiliges Phänomen betrachtet, das den Respekt vor dem Schöpfer und Seiner Schöpfung auszudrücken vermag.
Alle Existenz besteht aus Schwingung, Vibration, also Bewegung. Musik finden wir demnach in jedem kleinsten Teilchen. Es gibt Teilchen, die noch kleiner sind als ein Atom und auch sie bestehen aus Vibration.
Musik ist Schwingung, die für das menschliche Ohr wahrnehmbar ist. Jede Schwingung erzeugt neue Schwingungen, ebenso, wie Bewegung neue Bewegung verursacht.
Jede Bewegung setzt einen Willen voraus, eine Energie. Diese Energie braucht einen Willen, der die Schwingung verursacht. Ein Willensakt setzt eine Autorität voraus, was in der Sure Ja sin zum Ausdruck kommt.
Der schöpferische Willensakt drückt sich dort im 81. und 82. Vers so aus:
”SEIN Befehl, wenn ER ein Ding will, ist nur dass ER spricht: “SEI!” - und es ist.”
Alle Klänge, alle Formen, alle Schöpfung sind ein Beispiel dafür, wie sich der Wille und die Stimme des Schöpfers in der Kreation zu zeigen vermag, wenn ER es will.
Zur Geschichte des Sufitums
Das Sufitum hat eine lange Geschichte.
Im Allgemeinen ist das Wort Sufitum ein akzeptierter Name für die islamische Mystik.
Die Mystik ist als der große, geistige Strom zu verstehen, der alle Religionen durchfließt.
Man sagt, der Sufitum sei in Syrien, Ägypten und dem Irak geboren.
Wurzeln geschlagen und zu einem Baum gereift, ist es in Zentralasien. Seine Früchte reiften in Anatolien und verbreiteten sich rasch auf vielen Wegen.
Das Wort Sufi hat unterschiedliche Erklärungen gefunden.
Manche sagen, es leite sich vom griechischen Wort Sophistik ab. Damit sind die Menschen gemeint, die, die Wahrheit lieben.
Andere meinen, es leite sich vom arabischen Wort sofa ab. So wurde der unüberdachte Anbau des Hauses des Propheten Mohammeds genannt, der errichtet wurde, weil seine Anhänger und Freunde immer zahlreicher wurden und in seiner Nähe bleiben wollten.
Wieder andere sagen, es leite sich von dem alten Wort sof ab. Damit wird der Filz bezeichnet. Filz ist ein Symbol der Einfachheit und steht für das Nichtverhaftet sein. Die einfache Wolle drückt Bescheidenheit und Demut aus. Filzjacken waren das typische Kleidungsstück der Derwische und das Gewand wurde zum Symbol für die demütige Grundhaltung eines Sufis und sein unterstes Limit der Lebenshaltung.
Eine andere Erklärung ist die Ableitung von dem Wort saf, welches soviel wie ungetrübt, rein, klar bedeutet.
Kunst und Sufitum
Die Künste haben sich im Islam zu einer wichtigen, menschlichen Ausdrucksform entwickelt, die zur harmonischen Gestaltung der Umwelt dient, welche die göttliche Einheit in Form universeller Gesetzmäßigkeiten bezeugt.
Im Islam wird der Ausdruck der Kunst mit der menschlichen Tugend der Weisheit in Zusammenhang gebracht. Die göttliche Einheit widerspiegelt sich im Einklang und einer Ausgewogenheit der geschöpflichen Vielfalt. Als Weisheit gilt die Fähigkeit, von der Schönheit der Welt auf die allgegenwärtige göttliche Einheit zu schließen.
Durch das Lauschen harmonischer Klänge, wie Gesang, instrumentaler Musik, dem Plätschern von Wasser oder das Verweilen in Hainen und Gärten, umgeben von harmonischer Außen - und Innenraumgestaltung und Architektur, durch harmonische Form - und Farbgestaltung, das Üben harmonischer physischer Bewegungsabläufe, durch Wohlgerüche und gezielt eingesetzte, maßvolle Ernährung, wurde versucht, die Grundlagen für die seelische, körperliche und geistige Gesundung des Patienten zu schaffen.
Schamanentum und Sufitum
Für die Nomadenvölker Zentralasiens stand hinter allen materiellen Erscheinungen dieser Welt immer eine bewusste und ewige Urkraft.
Die Schamanen setzten sich mittels Musik und Rhythmen in Trance um sich mit diesen Urkräften und Mächten in Verbindung zu setzen. So erhielten sie ihr Wissen um Heilung, Vorraussagen und entsprechende Rituale zum Wohlbefinden der Gemeinschaft.
Die Lebensart vieler Sufis gleicht in vielen Belangen sehr jener der nomadischen Steppenbewohner. So wird z.B. von einer “Zelle der Beschaulichkeit” des Sufis “Chodscha Awliya” berichtet, die er neben einer Moschee am Tor der Geldwechsler errichtet hatte. “Zelle der Beschaulichkeit” bedeutet nicht einen Ort, wo absolut keine Gedanken ins Gemüt dringen, sondern vielmehr einen solchen, wo kein äußerer Gedanke Vorrang vor dem inneren Zustand hat - “ Gleich einem Fluss, dessen Strömung nicht durch an der Oberfläche treibenden Stecken und Strohhalme behindert wird.”
Der Engel Gabriel als erster Musiktherapeut
Im Sufitum glaubt man an den Schöpfer aller Dinge, den Weisen. Aller Existenz, aller Schöpfung, aller Frequenzen, aller Vibration uns so auch der Musik, liegt Gottes Willensakt zugrunde. Und jede Existenz wird zu SEINER Wahrheit.
In der islamischen Mystik ist die Verknüpfung von Musik mit der menschlichen Existenz sehr stark.
Dies zeigt sich in der folgenden Geschichte:
Allah hatte den Körper des Menschen aus Lehm und Wasser geschaffen. Nun sollte die Seele den Körper betreten und in ihm wohnen. Doch die Seele, deren Heimat die Unendlichkeit und deren Wesen die Freiheit ist, graute vor dem körperlichen Gefängnis. Aus Furcht weigerte sie sich den Körper zu betreten.
Da erschien der Engel Gabriel aus dem Paradies. Er kam mit einer Doppelrohrflöte ( Koêaney ) und begann zu spielen. Die Klänge schenkten der Seele Mut und Vertrauen und sie entschloss sich, den Körper zu beseelen.
Paradiesische Klänge existierten bereits vor der Schöpfung des Menschen und begleiteten ihn aus der einen in die andere Dimension, wurden ihm mit auf den Weg gegeben. Musik ist die Mittlerin zwischen den Dimensionen und Leib und Seele.
Betritt der Mensch diese Welt, sehnt er sich nach seinem Zuhause, seinem Ursprung zurück, sehnt sich nach den göttlichen Klängen, dem Urgespräch zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf, so wie sich der Schöpfer nach dem Menschen sehnt.
Die Kraft und der Einfluss dieses Urgesprächs bringt Kraft der Erinnerung, den Menschen immer wieder in den Zustand der Sehnsucht.
Der Sufi versucht hinter aller Schöpfung den göttlichen Klang zu vernehmen.
Die Musik verhilft dem Menschen wach zu werden, gegenwärtig zu sein, bewusster zu werden und bewusster zu sein für den Augenblick.
Musik schenkt dem Menschen Wesens- und Werteerkenntnis.
Die Musik ist angefüllt mit Sinnfülle. Trifft den Hörer diese Sinnfülle, entsteht in ihm die Sehnsucht danach zu leben.
Der Friede, um den jede Seele ringt und der die wahre Natur Gottes ist und das letzte Ziel des Menschen, ist nichts anderes als die Folge der Harmonie.
Frieden, Liebe und Harmonie bilden die Basis eines schönen Klangs, einer schönen Stimme, einer schönen Musik.
Gebet und Bewegung
Musik und Bewegung sind heilige Phänomene.
Jede Bewegung ist eine Manifestation des Schöpfers. Nichts geschieht, ohne dass ER davon weiß. Bewegungen, die der Intuition erwachsen und nicht an äußere Formen gebunden sind, aber auch Meditationsformen, wie z.B. die Mantrenrezitation ( Zikir ), die sich aus Bewegung und Stimme zusammensetzen, die in Aufrichtigkeit praktiziert werden, führt ER zu Harmonie, weil Frieden in IHM ist. Frieden und Harmonie führen den Menschen zum Schöpfer.
So dienen auch die Gebetstänze aus den unterschiedlichen Sufitraditionen dem inneren wie äußeren Frieden und der Harmonie der Menschen.
Das Weltbild aus der die altorientalische Musiktherapie hervorging, war ein Sufisches. Aus der Sicht des Sufis beruht alles Kranksein auf dem “Getrennt sein”, d.h. auf dem “Vergessen” der tatsächlichen existentiellen Einheit der Schöpfung. Dieses “Abgetrenntsein” manifestiert sich auf allen Ebenen; sei es, die Einheit von Geist und Seele verloren zu haben, sei es außerhalb der familiären oder sozialen Gemeinschaft zu stehen, sei es sich der Verbundenheit mit der göttlichen Ebene nicht mehr bewusst zu sein oder mögen auch andere Gründe dazu beitragen.
Aus der Perspektive des Sufitums ist es jedem Menschen möglich wieder Zugang zum Göttlichen zu finden, also wieder “heil” zu werden.
Die Grundidee, von der die östlichen Heilsysteme ausgehen, kann so zusammengefasst werden:
Gott hat dem Menschen Seine unendliche Kraft, das Wissen und Möglichkeiten eingepflanzt, die der Mensch sich durch bewusste Anstrengung in sich erwecken kann. So kann er an Leib und Seele gesunden.
Musik und Bewegung sind neben anderen Methoden wie Fasten, intensivem Gebet, Mantrenrezitationen und Meditationen und anderen künstlerischen Aktivitäten, eine Möglichkeit Heilungs- und Gesundungsprozesse zu unterstützen und zu fördern.